© 2017 Mag. Eva Maria WAGNER. Fotos: Die Lichtbildnerei, wortraum.aspern@gmail.com, 1220 Wien

Federnvogel

Würde ich es treiben, trieb ich es zu bunt, zu laut, trieb ichs zu weit, zu lang, trieb ichs mit dem Richtigen und mit dem Falschen, trieb ich dir die Flausen aus dem Kopf, die Läuse aus dem Schopf. Ich trieb dir die Leute aus dem Dorf und die Meute aus dem Land. Könnt ich bei dir landen, trieb ich es mit dir, so wie die Karnickel auf dem Karneval oder die Maskierten auf dem Maskenball. Ich ballerte dich aus dem Saal und trieb dich hinaus auf die Straße, wo sie sich herumtreiben wie Kühe, die kühlen Jungs zu denen es dich hintreibt. Die wie die Rinder auf der Alm grasen, das Gras rauchen, bevor sie abgetrieben werden, von der Weide mit Glockenschellen. Und der glockenhelle Schrei der Mutter, die das Kind und nicht das Rind abtrieb, welches nie Weiden sehen und nie durch Scheiden getrieben wird. Welches nie Leiden wird und es nie treiben wird.

Trieb ich es, dann trieb ich es zu bunt, zu laut, trieb ichs zu weit und gebenedeit bist du Mutter Maria und der Vater war mein Hirte, der die Schäfchen zusammentrieb und sich gern an Lämmchen rieb. Ders wie ein Hammel trieb und den Sammeltrieb liebt. Trieb ich es, trieb ich es ausführlich, dann wünschte ich mir eine Triebfeder aus einem Vogel, den es nach Süden trieb und damit würde ich schreiben, was mir in den Kopf fliegt.

Trieb ich es, trieb ich es zu bunt, zu laut, trieb ichs zu weit, zu lang. Ließ ich mich treiben an den Strand, ließ ich die Füße im Sand, bis sie warm werden und auch die Arme würd ich ansanden, die Hand würd ich ausstrecken und durch die Finger würd ich die Körner sieben, bis ich nicht mehr könnte. Heiter würd ich sein, wenn am Himmel plötzlich der Federnvogel auftauchen würde, der den Auftrieb nutzt, bis es zum Gleiten reicht. Und wenn sich etwas auftreiben ließe mit dem ich zu ihm aufsteigen könnte, ich würd es glatt tun. Von oben könnt ich mich satt sehen, könnt ich den Platz sehen, an den es mich getrieben hat und wo nur mehr Treibsand zu sein scheint, der die Rückkehr unmöglich macht. Möglich, dass ich nicht mehr runterkomme von meinem Höhenflug, dass ich unterkomme beim Federnvieh und mich vogelfrei träum. Träumt ich mir ein Treibhaus in die Luft, in das es mich hinzieht. Räumt ich meine Sachen in den luftleeren Raum, in den duftschweren Traum, vom Luftschloss. Könnte ich ausschließen, dass ich mich Heim weh, dann würd ich bleiben.

Trieb ich es, trieb ich es zu bunt, zu laut, trieb ichs zu weit und gebenedeit bist du Mutter Maria und der Vater war mein Hirte, der die Heftchen zusammentrieb, wo die Lehrer darunterschrieben. Und es Hiebe aus Liebe gab, weil der Antrieb fehlte. Und bald würde ich abgeschrieben werden und der Friede würde enden, der nie angefangen hatte. Trieb ich es, trieb ich es ausführlich, dann wünschte ich mir eine Triebfeder aus einem Vogel, den es nach Süden trieb und damit würde ich schreiben, was mir in den Kopf fliegt.

Trieb ich es, ich sags dir, dann trieb es mich zu Tränen. Hätte ich noch ein Tröpfchen übrig, das mir die Augen klärt, hätt ich die Anlage zum Weinen, ich schwör dir, ich würd sie andrehen und mich ins Fahrwasser geraten lassen.

Trieb ich es, ich sags dir, dann trieb ichs von selbst auf die Spitze. Dann bräucht ich nicht den Federnvogel, bräucht ich keinen Vorflieger und keinen Antreiber, hätt ich selbst den Dreh raus, könnt mich raufschrauben und runterholen, ich könnt mich ab und heben. Wenn sich doch nur irgendetwas auftreiben ließe, mit dem ich zu ihm aufsteigen könnte, ich würd es glatt tun. Von oben könnt ich mich satt sehen, könnt ich den Platz sehen an den es mich getrieben hat und könnt nur hoffen, dass mich das Oben nicht ausspeibt, mich das Droben nicht austreibt, sich das Himmelblau nicht von mir auskotzt. Weil es angekotzt ist von mir, so wie ich es von dir bin, da du wie eine Laus bist, die nicht weggeht, sondern mir auf dem Kopf herumtanzt, und weil es dich trotzdem nicht kratzt, dass sich meine Haut von dir abschuppt und es dir Schnuppe ist, dass ich leide wie ein Straßenköter mit Flöhen, dass ich vor die Hunde gehe, während du auf Treibjagd gehst mit deinen Jägerfreunden und Weiber sammelst bis zum Umfallen.

Trieb ich es, trieb ich es zu bunt, zu laut, trieb ichs zu weit und gebenedeit bist du Mutter Maria und der Vater war mein Hirte, der den Sprit mehr brauchte als das Fahrzeug, der das Auto verkaufte um sich den Treibstoff zu leisten, der ihn zur Höchstform brachte, in den Nächten in denen er sich herumtrieb. Und in den Bars herumschrie, damit ihn endlich jemand für sternhagel voll nahm. Doch trieb ich es, trieb ich es ausführlich, dann wünschte ich mir eine Triebfeder aus einem Vogel, den es nach Süden trieb und damit würde ich schreiben, was mir in den Kopf fliegt.

Trieb ich es, ich sags dir, dann würd ich mir einen Düsentrieb in den Arsch stecken und mich nach oben schießen zum Federnvogel. Und wenn mir das Feuer unterm Hintern zu heiß wird, würd ich es abschalten und den Gleitflug einleiten. Ohne Leithammeln und ohne Streithammeln wird es hier oben ziemlich ruhig sein. Still und fein. Hier will ich bleiben und vertreiben eine ganze lange Weilezeit. Doch sollt es doch so sein, dass mich das Hochgefühl nicht haben will, dass mir das Oben kühl begegnet und mich wieder runterregnet, dann werd ich mich wohl auswaschen lassen und mich der Runtertreibung hingeben, mich als Ausfall des Himmels bewegen, mich vor dem Aufprall ins Meer noch aufbäumen und mit stolzer Miene meine Arme, wie Pflanzentriebe, auseinanderreißen, schreien, dass man es bis in die Berge und auf den Almen hört, dass es auch die Hunde im Wald und die Kühe auf der Straße und die Schafe auf der Weide und die Hirten bei den Wirten hören.

Das Wasser ist kalt und salzig. Es zieht mich hinunter und spuckt mich wieder aus. Auf dem Rücken lieg ich und lass mich treiben, von den Wellen, immer weiter auf den dünnen Strich zu, ab dem man runter fällt. Doch vor dem Schlussstrich noch schnell ein Brieflein, in die Flaschenpost verpackt, für irgendeine Flasche, die das Glas zerbrechen wird und mir das Versprechen abnehmen wird, die Botschaft laut für alle vorzulesen. Sie hat es nicht ins Boot geschafft, werden sie sagen, es war der Wahn der sie ins Meer getrieben hat, jeder weiß, wer sie vertrieben hat. Sie war so lieblich, trieblich…

Doch wahr ist nur, was auf dem kleinen Zettlein steht: Ich bin zum Federnvogel aufgestiegen um vogelfrei zu sein, im Freiflug durch die Luft zu gleiten, den Freiheitsduft begleiten, doch plötzlich tauchten dunkle Schäfchenwolken auf, die sich um den besten Platz im Himmel stritten und ich inmitten. Sie bäumten sich auf und drückten sich nieder, sie stießen sich an und begannen zu raufen. Stopp schrie ich, doch niemand hörte. Da konnt ich gleich ersaufen…

Trieb ich es, trieb ich es ausführlich, dann wünschte ich mir eine Triebfeder aus einem Vogel, den es nach Süden trieb und damit würde ich schreiben, was mir in den Kopf fliegt. Und niemand wird mir das Geschriebene austreiben, denn das Getriebene aufschreiben, das darf nur ich!

- Veröffentlichung in der Anthologie "Junge Tiroler Literaturtalente, Cognac & Biskotten 2