© 2017 Mag. Eva Maria WAGNER. Fotos: Die Lichtbildnerei, wortraum.aspern@gmail.com, 1220 Wien

du

du setzt dich an den tisch

um mit dem märz zu sprechen

schmerzende wirbel beugen

dich über dein getränk

 

du redest wirres glas

du leerst dein zeug auf einmal

kommt ein kind an deinen platz

und fragt dich nach dem meer

 

du reichst dem kind das salz

stimmen flüstern dir applaus

dein vortrag über möwen

fällt heute trocken aus

 

das ölbild im rahmen

zitiert aus deinen versen

es spannt dir einen frühling

und rinnt dir übers kinn

 

in deinem innenkopf

kämpft wasserfall mit wüste

und jede flüsterstimme

bewohnt ein separeè

 

was dich gebrochen hat

wird niemand je erfahren

so schlagen deine brücken

dich immerzu nur selbst

- Finale des Goldstaub Lyrikwettbewerbs 2017

Das Familienbild

 

Ein Rahmen.

Vater umarmt Mutter. Mutter umarmt Vater.

Vater und Mutter umarmen Kinder.

Kinder umarmen einander.

Ein fehlendes Kind.

Es ist „wieder einmal“ aus dem Rahmen gefallen.

Das rahmenlose Kind umarmt die Ecke.

Eine fehlende Großmutter.

Sie umarmt das Eckenkind.

Sie ist die Einzige, die das Kind rahmenbedingungslos liebt.

- veröffentlicht in der Anthologie zum Forum Land Literaturpreis 2016

neben dem brunnen vor der hütte

 

hier stand eine milchkanne

aus schwerem eisen

mit schwarzer patina

und einem henkel der sang

wenn man ihn hob

 

hier lebten einst zwei würmer

im dunklen boden

verschlungen ineinander

die erschraken

wenn man die kanne verschob

 

hier lebte einst ein bauer

in einer hütte aus holz

der zu den kühen sprach und

ihnen sanft die muttermilch entlockte

 

hier trug der bauer die kanne 

ins feuchte gras

und zog das weiße aus den eutern,

es flockte

 

es ist nicht überliefert

wer zuerst das melken aufgab

die kühe, die kanne oder der bauer

gewiss ist nur, die milch,

die blieb für immer sauer

 

hier stand eine milchkanne

aus schwerem eisen

mit schwarzer patina

und einem henkel der sang

wenn man ihn hob

 

hier lebten einst zwei würmer

unter dem kannenboden

die erschraken

wenn man die kanne verschob

- erscheint in der Anthologie "Junge Literaturtalente 2018", Cognac & Biskotten

feldweg

 

nie wieder haben zigaretten so gut geschmeckt

wie jene ersten (es waren maverick) auf dem kiesweg

zwischen feldern und innfluß

wo unser leben dahinfloss und sich anfühlte

als könnten wir alles erreichen,

denn wir waren noch an nichts schuld

und wenn, dann gingen wir beichten.

 

dort in den feldern, wo ein brennender lungenzug

das beste am atmen war und klebriger liebeskummer

unser einziger schmerz (den anderen spürten wir erst später)

dort galten wir der welt als gut genug

und weiter: wir waren nicht opfer, wir waren nicht täter.

 

wir waren einfach und wir waren da

und wir stellten nichts in frage.

ja man konnte uns das rauchen vorwerfen

zwischen feldern und flüssen

nicht aber unsere jugend, unser küssen

und diese unbeschwerten tage.